Mittwoch, 11. März 2020

Hilma af Klint – späte Anerkennung

Eine Buchbesprechung

Julia Voss: Hilma af Klint «Die Menschheit in Erstaunen versetzen», Biographie, 2020, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, ISBN 978-3-10-397367-9

Die ARD-Kultursendung TTT (Titel, Thesen, Temperamente) wies kürzlich auf eine vergessene schwedische Künstlerin – Hilma af Klint (1862–1944) - hin und liess die Autorin der Biographie, die promovierte Kunsthistorikerin Julia Voss, zu Wort kommen. Auch diese hatte bis 2008 noch nie etwas von Hilma af Klint gehört und schrieb einen Artikel über sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das Thema liess sie aber nicht los und sie entschied sich, Schwedisch zu lernen, damit sie die in einem Archiv schlummernden 125 Notizbücher der Künstlerin auswerten konnte.

Notizbuchseiten
Ich war hingerissen und bestellte das Buch umgehend. Was macht diese Künstlerin so besonders? Sie war ihrer Zeit weit voraus, indem sie Jahre vor Kandinsky, Mondrian und Malevitsch abstrakt malte. Also ohne Beeinflussung von irgendwelcher (männlichen) Seite.

Gemäss Kandinskys eigenen Angaben malte er sein erstes abstraktes Bild im Jahr 1910. Heute geht man aber davon aus, dass er dieses Bild vordatiert hat, vermutlich malte er es erst 1913. Als erste Künstlerin, die abstrakte Bilder malte, gilt heute unbestritten Hilma af Klint. Nach einer Serie kleinformatiger Bilder im November 1906 schuf sie ihr erstes großformatiges Bild im Jahr 1907.

Julia Voss Biographie zeichnet das Leben von Hilma af Klint nach, etwas, was die Künstlerin selber versäumt hat. Ihre vielen Notizbücher enthalten kaum Privates. Die Autorin hält aber dagegen: «Hilma af Klint ist nicht die einzige Malerin, die es für unwichtig hielt, über sich selbst zu berichten. Von vielen Künstlerinnen höre ich bis heute, dass es doch um die Kunst gehen soll und nicht um die Person, die das Werk hervorbringt. Diese Bescheidenheit ist sympathisch, aber mit ihr wird eine Chance vertan. Die Leben von Frauen werden so lange nicht erzählt, bis alle glauben, es gebe nichts zu erzählen. Die Person wird daraufhin ebenso unterschätzt wie das Werk, die Kunst wirkt auf einmal wie eine Privatangelegenheit, weil keine Verbindungen überliefert sind, zur Entstehung, zur Geschichte, zu Ereignissen oder anderen Kunstschaffenden und ihren Arbeiten. Ohne diese Informationen, ohne Kontext und Umfeld schrumpft ein Oeuvre und wird kleiner und kleiner, bis es überschaubar und belanglos wirkt. […] Es sollte zu bedenken geben, dass die Biographien von Künstlerinnen oft viel schlechter erforscht sind als die ihrer männlichen Kollegen,» (S, 20-21)

Genau das geschah mit Hilma af Klint. Sie spürte, dass sie ihrer Zeit voraus war und verfügte testamentarisch, dass die Bilder erst 20 Jahre nach ihrem Tod ausgestellt werden dürften. Es sollte noch etliche Jahre dauern, bevor af Klint die volle Anerkennung zuteil wurde. Erst seit 2013 gilt sie als die wahre Pionierin der Abstrakten Kunst – fast 70 Jahre nach ihrem Tod.

Das Buch von Julia Voss liest sich flüssig wie ein Roman, ist aber faktentreu. Nichts wird hinzugefügt, was nicht belegbar ist. Es enthält eine umfangreiche Bibliographie, nahezu 50 Seiten Anmerkungen, ein Register, sowie die Titel sämtlicher Bücher und Periodika, die sich in Hilma af Klints Archiv befinden.

Julia Voss beschreibt Hilma af Klints Familiengeschichte, ihre Ausbildung, Reisen, Freundschaften, ihre Verbindung zu Rudolf Steiner, ihr Interesse für Theosophie. Das Buch enthält Schwarz-Weissbilder und etliche Seiten farbige Tafeln auf Glanzpapier.

Sehr lesenswert.

Hier einige Fotos aus dem Buch:





Weitere Infos:

auf Deutsch:

ARD Mediathek ttt

https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/videos/klint-video-100.html

Hamburger Bahnhof in Berlin, https://www.youtube.com/watch?v=lfGfsQu4qtw



auf Englisch:

Guggenheim Museum, youtube https://www.youtube.com/watch?v=CHdud9km7bQ

Gallery Serpentine, https://www.youtube.com/watch?v=mfKrM2MNKdU



Trailer Deutsch/englisch : https://www.youtube.com/watch?v=5DwG0p0En_g

Und viele mehr.

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